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Ich will wählen!

Wir haben Laura (17) zum Wahlrecht in Deutschland befragt. Sie ist eins unserer neusten und gleichzeitig jüngsten Jugendratsmitglieder. Das Abitur frisch in der Tasche, engagiert sie sich mit 14 anderen jungen und politischen Aktivist*innen im Jugendrat für Generationengerechtigkeit. Nur wählen darf sie immer noch nicht!

 

Über 100 Millionen Menschen sind aufgrund ihres Alters von der EU-Wahl ausgeschlossen. Ich bin eine von ihnen: Weil ich minderjährig bin wird mir die Teilhabe an der Wahl verwehrt und das obwohl ich genauso von den politischen Entscheidungen des EU-Parlaments betroffen bin wie alle Mitbürger*innen.“

 

Laura, du wirst zwei Tage nach der Europawahl 18 Jahre alt. Wie fühlt sich das für dich an?

Einfach nur mega deprimierend. Ich bin das perfekte Beispiel, wie sinnbefreit es ist so ein steifes Datum zu setzen. Also zumindest bezüglich des Wahlrechts. Ab dem Tag wo man 18 wird, darf man dann auf einmal wählen. Und zwei Tage vorher hat meine Meinung noch keinen Wert. Ich sehe darin keine Rechtfertigung.

Und auf welches Wahlalter willst du mit dem Jugendrat runtergehen? Und warum?

Also meiner Meinung nach wäre ein Wahlrecht 0 nach aktiver Eintragung am gerechtfertigsten. Dadurch kann man garantieren, dass niemand einfach aufgrund einer Zahl davon ausgeschlossen wird. Jedes Individuum entwickelt sich anders und setzt zu unterschiedlichen Zeitpunkten einen Schwerpunkt. Demnach sollte es ab dem Zeitpunkt, wo eben auch politisches Interesse da ist, möglich sein sich ins Wähler*innenverzeichnis eintragen zu lassen. Aktuell in Deutschland, am regierenden Parteienspektrum gemessen, findet man ziemlich wenig positive Resonanz in Richtung Wahlrecht ab 0. Deswegen wäre das realistischste für die nahe Zukunft das Wahlalter auf 14 zu senken. Um einerseits mehr jungen Menschen zu ermöglichen sich politisch einzubringen, auch außerhalb von Demonstrationen und andererseits die Politik dazu zu bewegen ihre Inhalte mehr auf junge Menschen auszurichten.

Glaubst du, dass es erstmal reicht „nur“ das Wahlalter zu senken, um für mehr Politikbegeisterung zu sorgen? Gehört da nicht viel mehr dazu?

Ich denke, dass es ein unglaublich wichtiger Schritt ist. Jedoch gehört da viel mehr dazu. Und das geht einher mit einem früher einsetzenden Politikunterricht in der Unter- und Mittelstufe. Aktuell gibt es das ja ausschließlich in der Oberstufe und nicht einmal als Pflichtunterricht. Ich will, dass es eine höhere Selbstverständlichkeit wird, dass explizit politische Bildung einen höheren Stellenwert im Lehrplan hat.

Was wird sich in unserer Gesellschaft ändern, wenn auch junge Menschen Ihren Zettel in die Urne werfen dürfen?

Ich denke, dass sich sowohl im Ergebnis, als auch in der Wahrnehmung etwas ändern wird. Das ist ja leider allgegenwärtig, dass junge Menschen nicht ernst genommen werden und super wenig Entscheidungsfreiheit haben. Und ich denke, dass das Wahlrecht ein erster Schritt wäre, um junge Menschen und ihre Ideen ernst zu nehmen und nicht nur so abtut.„Ach die sind doch jung und haben noch keine Ahnung.“ Solche Gedanken müssen abgeschafft werden und durch neue ersetzt werden, damit eine höhere Toleranz und Bereitschaft herrscht und wir Kinder vom Objekt zum handelnden Subjekt werden.

Wie reagierst du auf oppositionelle Aussagen wie „Kinder neigen zu extremen Positionen und sind auch viel leichter manipulierbar“?

Es gibt natürlich Leute, die eine extreme Position haben und für diese einstehen. Aber das wird man bei Erwachsenen genau so finden. Ausserdem gibt es super viele Leute, die sich nicht mit ihrem kompletten Interessenschwerpunkt auf Politik verlagern – in allen Generationen. Und manipulierbar ist dabei jede*r. Auch Erwachsene. Wenn man sieht wie sehr wir durch unser Umfeld dauerhaft berieselt und beeinflusst werden. Natürlich haben Eltern einen besonders starken Einfluss auf ihre Kinder. Aber das hat Mensch in jeder Beziehung. Auch wenn man sich mit 18 die Meinung gebildet hat, stand diese Meinung immer unter Beschall der Eltern. Und das ist was super natürliches und super legitimes und nicht zwangsläufig negativ zu beurteilen.

Und was ist, wenn Eltern diese Selbsteintragung für ihre eigenen Zwecke nutzen, indem Sie das Kind zum Amt schicken und beispielsweise sagen „Wähle die CDU!“? Ist da nicht eine große Gefahr des Missbrauchs?

Natürlich ist es nicht komplett vom Missbrauch geschützt. Kinder haben auch eine eigene Meinung. Auch wenn diese Ihnen häufig abgesprochen wird, gibt es Kinder, die wissen was sie möchten und ihre eigene Meinung vertreten können. Deshalb ist es unumgänglich, dass wir die extreme Linie zwischen minderjährigen und mündigen Bürger*innen auflösen.

Und warum versuchst du das ganze mit dem Jugendrat und gehst nicht in parteiliche Strukturen, um dich für das Jugendwahlrecht einzusetzen. Sind da die Chancen nicht viel größer Erfolg zu erlangen?

Was ich halt super schwierig finde ist, dass ich aktuell überhaupt keine Lust habe mich einer regierenden Partei zuzuordnen. Ich finde da nirgends meine Meinung genau widergespiegelt. Plus, dass da Hierarchien nochmal ganze andere sind als ich Sie im Jugendrat erfahre bzw. nicht erfahre. Ich hab die Möglichkeit einen anderen thematischen Schwerpunkt zu setzen welches weniger vom Parteiwahlprogramm abhängig ist.

 

 

Interview mit Laura Ortiz von Eleonora Han

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